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50 Jahre Frauenstimmrecht

"Wie kann ich den Bärenanteil des Haushalts schmeissen, ohne mich zu fühlen, als hätte ich mein Geschlecht verraten?" Wir schauen Heute auf den Tag genau auf 50 Jahre Frauenstimmrecht in der Schweiz zurück. Und was tue ich? Ich frage mich, wer ich als Frau in dem Ganzen bin und sein möchte. Und was Gleichberechtigung und Feminismus für mich wirklich bedeutet.

Ganz kurz zu mir. Ich bin eine Frau und arbeite gemeinsam mit meinem Mann in unserer eigenen Kommunikations- und Videoagentur. Zudem haben wir eine 1.5 Jahre alte Tochter. Ich bin also berufstätige Mutter. Bin ich Feministin?


Dazu eine kleine Anekdote. Vor einigen Jahren habe ich meine damals sehr langen Haare kurzerhand zu einem Kurzhaarschnitt geschnitten. Eine Seite dabei sogar auf Milimeterschnitt reduziert. Wieso? Mir war einfach danach. Ein paar Tage später habe ich einen Bekannten getroffen, der prompt wie folgt reagierte: "Oh no wirst du jetzt auch eine von diesen Feministen Weiber" Bis dahin muss ich zugeben habe ich mich mit dem Wort "Feministin" kaum auseinander gesetzt. Wenn ich die Frage: " Was ist Feminismus google, finde ich viele verschiedene Definitionen dafür. Am besten fasst es folgende Definition für mich zusammen:

Feminismus setzt sich für die Gleichstellung aller Menschen, gegen Sexismus und gegen die Diskriminierung von Frauen ein.

Quelle: genderdings.de von der Dissens – Institut für Bildung und Forschung e.V.


So gesehen muss ich meinem Bekannten recht geben. Natürlich bin ich Feministin. Denn kein Thema liegt mir mehr am Herzen als die Gleichstellung aller Menschen. Was das mit meinem Kurzhaarschnitt zu tun haben soll, ist mir allerdings fragwürdig.


Was Feminismus für mich bedeutet...


Mich als Feministin zu bezeichnen, ist eigentlich naheliegend. Ich passe in die Form der Bewegung als berufstätige Mutter. Aber Feminismus ist für mich ein Thema, das sehr viel weiter geht. Ein Beispiel: Meine Mutter hat sich damals komplett auf ihre Rolle als Mutter eingelassen und hatte keine feste Anstellung mehr in einem Betrieb. Und dennoch sehe ich meine Mutter als Feministin. Denn sie hat uns 4 Frauen mit starkem Glauben erzogen, dass wir alles erreichen können, was wir wollen. Und das jeder Weg in Ordnung ist. Sie hat ihre Entscheidung aus dem Berufsleben auszutreten bewusst getroffen. Hat neben 4 Kindern grosszuziehen, eine erfolgreiche Kinderkrippe eröffnet, als Bauherrin bei diversen Bau-Projekten gearbeitet und war mir immer ein Vorbild für eine Frau, die ihre Meinung sagt und dennoch jeden seinen Weg gehen lässt.


Wofür haben die Frauen vor 50 Jahren also gekämpft? Es ging darum Gleichstellung zu erreichen, einer Frau aufgrund ihres Geschlechts keine Türen zu verschliessen. Die Möglichkeit unseren Töchtern zu sagen: Du kannst alles werden, was du möchtest.

Für mich ist genau deshalb die Bewegung der Feministinnen bis Heute so wichtig. Denn obschon wir schon einiges erreicht haben, müssen wir Frauen uns viel zu oft rechtfertigen.


Ein aktuelles Beispiel...

In der Arena des Schweizer Fernsehen vom Freitag 5. Februar 2021 ging es um Schweizer Frauen. Eine bunte Gruppe an Frauen, inkl. einen Mann stellt sich der spannenden Diskussion, die den Alltag vieler widerspiegelt. (Eine gute Zusammenfassung der Sendung findet ihr übrigens bei Watson.) Ins Stocken kommt mein Atem als eine der erfolgreichsten Schweizer Journalistinnen - Steffi Buchli - von einer der Frauen herausgefordert wird. Die Vollzeit-Mutter wirft Steffi Buchli vor, ihr Kind nicht zu sehen, weil sie berufstätig ist. Ja gar die Aussage, wieso hat man Kinder, wenn man arbeiten möchte wurde mit ernster Miene ausgesprochen. Meine Hände zittern noch immer, wenn ich daran denke. Wie kann man eine Frau und Mutter immer noch an den Pranger stellen, dafür das sie arbeitet und Erfolg hat? Ist es für Steffi Buchlis Tochter nicht das beste Vorbild überhaupt. Eine glückliche Mutter, die ihren Träumen nachgeht? Zuerst behält die Blick-Sport Chefredaktorin die Fassung und erklärt offen, wie sie durch gute Zeiteinteilung, kaum Hobbies und klaren Prioritäten auf ihre Familie und ihren Job beides unter einen Hut bringt. Meiner Meinung nach übrigens eine vorbildliche Antwort und tolle Leistung. Die darauffolgende persönlich angriffige Frage, wann sie ihr Kind überhaupt sehe, macht sie zurecht wütend. Später auf Instagram nennt sie die Frage einen Affront und keiner Antwort würdig. Ich stimme ihr zu. Ein Mann muss eine solche Frage nicht beantworten! Wenn ich solche Momente miterlebe, frage ich mich wofür die Frauen vor 50 Jahren gekämpft haben.


Wir brauchen nicht einmal das andere Geschlecht, um unsere Möglichkeiten einzugrenzen, das schaffen wir ganz gut alleine. Und das geht in beide Richtungen. Meine Mutter zum Beispiel äusserte den Gedanken, sie fühle sich als Hausfrau von berufstätigen Frauen manchmal diskreditiert. Genauso habe ich an manchen Tagen, wenn ich per Zufall den Bärenanteil im Haushalt schmeisse, das Gefühl mein Geschlecht zu verraten und den Kampf, den viele Frauen für die Gleichberechtigung an jedem Tag führen. Bei diesem Gedanken muss ich mich selber schütteln, denn es geht um viel mehr als darum wer die Wäsche wascht.


Es geht um viel mehr...


Es geht darum eine gleichberechtigte Beziehung zu führen. Darum, dass mein Mann nicht automatisch davon ausgeht, dass ich den Haushalt mache. Darum, dass wir gemeinsam auf unsere Tochter schauen. Darum, dass es sich für meinen Mann nicht komisch anfühlen sollte, unter der Woche mitten am Tag mit unserer Tochter auf den Spielplatz zu gehen. Es sollte selbstverständlich sein, dass ein Mann Teilzeit arbeitet und Zeit für seine Kinder hat. Denn die Rollen-Diskriminierung macht auch vor Vätern keinen Halt. Als Kylara, unsere Tochter nur rund 2 Monate alt war und Kilian mit ihr Spazieren war, fragte man ihn doch tatsächlich: "Oh, ganz alleine unterwegs? Kommt das gut? Wo ist denn die Mama?" Eine Antwort darauf hatte Kilian nicht, denn in solchen Momenten ist man manchmal ganz erstarrt. Wieso geht die Gesellschaft automatisch davon aus, das die Mama das Kind besser handeln kann? Viele haben mir nach der Geburt geschrieben, dass ich es im Gefühl haben werde und dann schon wisse was zu tun ist. Ja sogar an Kilian haben viele geschrieben, wenn er nicht wisse wie weiter die Mama weiss das. Das war ein enormer Druck für mich. Ich habe versucht in mich hinein zu horchen und habe nach der inneren Mutterstimme gesucht, wenn unsere Kleine mal wieder nicht schlafen konnte oder sich nicht beruhigt hat. Ich sage es euch offen und ehrlich da war nichts, gähnende Leere, keine Stimme, kein Gefühl, nur komplette Überforderung und eine grosse Portion Dankbarkeit, dass wir Kilian und ich gemeinsam herausfinden konnten, was unsere Tochter braucht. Diese Möglichkeit haben nicht alle Eltern, weil es in der Schweiz keine Elternzeit gibt, sondern nur den "Mutterschaftsurlaub" (von dem absolut unpassendem Wort Urlaub in der Bezeichnung, fange ich jetzt gar nicht erst an)

Schauen wir ins Ausland, gibt es die Elternzeit, bei der es dem Paar frei überlassen wird, wie sie die Aufteilung machen möchten. Das ist Gleichberechtigung und Entscheidungsfreiheit. Eine Kollegin in hoher Position hat mir im Privaten mal gesagt, sie stelle nur ungern Frauen im Alter zwischen 29 und 35 ein, weil die ziemlich sicher schwanger werden. Eine Aussage, die schockiert aber aus Arbeitgeber Perspektive soweit Sinn macht, dass die Arbeitskraft mit Sicherheit für gewisse Zeit ausfällt. Wäre diese Sicherheit auch bei einem Mann zwischen 29 und 35 gegeben, wären wir einen Schritt weiter Richtung Gleichberechtigung.


Zum Thema Fremdbetreuung, KITA


Wir haben das Glück, dass wir unsere Arbeit 50:50 aufteilen können und so zu gleichen Teilen berufstätig sein können. Und obschon wir uns aufteilen können und so unsere Tochter ohne Kita auskommen könnte, haben wir uns entschieden sie an zwei Halbtagen in die Kinderbetreuung zu bringen. Wieso? Unsere Kleine freut sich wie verrückt, den Nachmittag mit vielen anderen Kindern zu verbringen. Sie lernt teilen, Selbstständigkeit und das unsere Welt viel mehr als Mama und Papa ist. Gerade in der heutigen Zeit, wo Corona unsere Kontakte stark einschränkt, finden wir es wichtig für unsere Tochter. Obwohl wir unsere Maus vermissen, wenn sie weg ist, ist die Kinderfreie Zeit für uns als Paar und für jeden einzelnen ein Segen.


Wünsche für die Zukunft


Ich wünsche mir für die Zukunft meiner Tochter, dass Frauen alle Türen offen stehen und jede Entscheidung in Ordnung ist. Ich wünsche mir, dass wir Frauen uns nicht mit Vorurteilen begegnen sondern mit Interesse . Ich wünsche mir, dass das Geschlecht keine automatische Rolle für unser Leben definiert. Denn jeder sollte selbst Regie führen über sein Leben, egal ob Männlich oder Weiblich. An dieser Stelle noch ein grosses Dankeschön an die Frauen, die vor 50 Jahren für ihre Rechte gekämpft haben und an alle, die es bis Heute tun.